Indienreise November 2016

Eindrücke von Leonard Koopmann, der dabei gewesen ist

Indienreise im November 2016 (Flash-Player wird benötigt)

Reiseberichte der Teilnehmer von der Indienreise November 2013:

Wiebke Abraham, Bremen

Diese Indienreise, mein erster Blick in dieses Land, war eine ungeheuer große Erfahrung für mich. Natürlich hatte ich mich vorbereitet, vieles vorab gelesen, Filmberichte gesehen ... was man eben so tut, bevor man sich auf eine solche Reise macht. Aber dann, vor Ort, war alles dann doch noch einmal völlig anders. Geräusche, Gerüche, Licht und vor allem: Farben - das geballte Leben, das sich vor unseren Augen abspielte. Annette Taphorn, unsere Reiseleiterin und eine Indienkennerin vom Feinsten, hatte uns eine wunderbar interessante Reise zusammengestellt. In der ersten Woche besichtigten wir zahlreiche, beeindruckend schöne Kulturstätten und Tempelanlagen. Unser taffer Busfahrer und Begleiter Gurinderjit Singh chauffierte uns viele Kilometer durch Nordindien – und das unfallfrei! Es war der Blick hinter die Kulissen, der von diesem Teil der Reise so tiefe Eindrücke hinterließ. Alte Handwerksbetriebe und Lebenssituationen in den Hinterhöfen der Orte und Straßen bekommt man als „normaler" Tourist wohl selten zu Gesicht. Erschütternd zu sehen, wie verkrüppelte Menschen auf den Straßen Indiens sich selbst überlassen sind. Prunk und Protz dort, tiefstes Elend hier – wir bekamen zumindest einen kleinen Eindruck von der Widersprüchlichkeit dieses Landes.

Die zweite Woche verbrachten wir dann im Camp des RDT in Anantapur. Ein wunderbarer Ort, angelegt wie ein Dorf mit kleinen Häusern, von denen einige für uns reserviert waren.

Nicht vergleichbar mit dem Luxus der Hotels der ersten Reisewoche, aber ungleich sympathischer und vor allem: „näher dran" und auch für uns verwöhnten Mitteleuropäer ausreichend komfortabel.

In der „Dorfmitte" die große Cantina, in der wir uns zum Essen trafen.

Die folgenden Tage waren gefüllt mit Informationsbesuchen – das volle und beeindruckende Programm, auf dem unter anderem stand: Der Besuch einer Gehörlosenschule, einer Blindenschule, eines Hospitals, eines Waisenhauses für aidskranke Kinder, von Dorfschulen, Biogas- und Solaranlagen und Projekten nur für Frauen. Eines dieser Frauenprojekte hat mich sehr berührt. Körperbehinderte Frauen (in Indien!), haben hier einen eigenen Arbeitsbereich, in dem sie Schmuck aus alten Blechdosen, Stoff- und Wollresten, Pappmaché, Silberdraht und Perlen erstellen, der dann in einem Laden im Camp verkauft wird.

Auf diese Weise erarbeiten sie sich ein kleines Gehalt. Sie leben dort sicher und geschützt und entwickeln das Gefühl selbstständig und nützlich – wie man sagt: „ein Teil der Gesellschaft" - zu sein. Was für ein Gegensatz zu dem, was wir in den ersten Tagen auf den Straßen der Metropolen erlebt und gesehen haben!

Was wir uns auch angeschaut haben: Überall war zu spüren, das die Menschen mit Selbstachtung und so viel Stolz bei der Sache sind. Ein großes Werk, das Vicente Ferrer, seine Familie und Helferinnen und Helfer von RDT in den letzten 40 Jahren dort aufgebaut haben. Hut ab!

Dann noch etwas persönlich Berührendes: die Begegnung mit „meinem" Patenkind.

 

Uta Dantzer, Bremen

Mich hat die Arbeit der RDT-Frauenprojekte in den Dörfern besonders beeindruckt. Frauen, die bisher ein Nichts waren, sind heute Stützpfeiler der dörflichen Strukturen. Sie reden miteinander, sie schicken ihre Kinder (Jungen und Mädchen) zur Schule, sie verdienen eigenes Geld. Sie haben eine Stimme und sind Teil der indischen Gesellschaft. Dank der medizinischen Versorgung, Information über Hygiene und eines Ernährungsprogramms für schwangere, stillende und alte Frauen ist die Kindersterblichkeit hier deutlich gesunken und die Lebenserwartung gestiegen. Das zu sehen gibt mir Hoffnung, dass sich die Lebenssituation dieser Frauen auf dem Lande weiter deutlich verbessern wird. Die Begegnung mit diesen Frauen war ganz besonders: Der Empfang, wie sie strahlend zuhören, von ihren Projekten berichten und uns lachend erzählen, dass sie, die früher 2 Sari hatten - einer wurde getragen, während der andere in der Wäsche war - heute zehn und mehr haben. Mit großen Stolz und Würde tragen sie diese wunderschönen, farbenfrohen Kleider.

Brigitte Dahm-Bauchwitz, Bremen

Natürlich war das persönliche Kennenlernen meiner 2 Patenkinder und deren Eltern ein ganz besonderes Erlebnis. Wie sie mir ihre Freude und Dankbarkeit gezeigt haben, habe ich als ein großes Geschenk entgegengenommen. Im Grunde war ich von allen Projekten, die ich gesehen habe, sehr angetan. Beindruckend und berührend war der Besuch in dem Heim mit den HIV- infizierten Waisenkindern. Mit Gesang wurden wir schon vor der Tür begrüßt. 3 kleine Mädchen kamen auf mich zugelaufen, um mit mir Fingerspiele zu machen, die damit endeten, dass eine kleine Hand in meiner großen lag. Das war rührend, doch als ich dann hörte: "Now we are friends!" musste ich mich sehr zusammennehmen. Diese kleinen, kranken Menschen bieten ihre Glücksgefühle so liebevoll an, dass man daraus lernen sollte.

Hans-Dieter Pöhls, Achim

 

 Ein erlebnisreicher und nachdenklicher Tag im ärmsten District von Anantapur im Staate Andhra Pradesch in Indien.


Heute, am 29. November 2012, fahren wir mit dem Jeep des Rural Development Trust weit in den süd-östlichen Teil des District Anantapur in Richtung Chennai. Annette Taphorn, die schon seit 13 Jahren in Indien lebt und bestens mit den oftmals schwierigen indischen Verhältnissen vertraut ist und dieses widersprüchliche Land über alles liebt, fährt heute mit Siegrid und mir zu zwei ihrer Patenkinder. Dabei ist eine Übersetzerin, die von der heimischen Sprache Telugu ins Englische übersetzt.

 

Kurz hinter der Stadt Kadiri biegen wir auf einen Feldweg ab und erreichen bei etwa 30 Grad Sonnenschein das kleine Dorf der Tagelöhner. Die Vincent Ferrer Foundation (RDT) hat hier eine Reihe von funktionellen, kostengünstigen und standardisierten Häuser gebaut sowie eine Schule.

Bei Ankunft scheinen fast alle Dorfbewohner unterwegs zu sein, uns herzlich zu begrüßen und uns Blumenkränze umzuhängen. Freudig empfangen uns die Eltern, alle Verwandten, und viele Kinder. Die beiden Patenkinder halten sich scheu und von dem ganzen Trubel beeindruckt zurück, freuen sich über die mitgebrachten Geschenke und antworten auf die Fragen von Annette nach ihrem Wohlbefinden, Wünschen und Vorstellungen für die Zukunft. Beide haben im vergangen Jahr gute Fortschritte gemacht und werden entsprechend belobigt. Fotos werden geschossen.

Für 18 Euro im Monat wird jeweils einem Patenkind im Jahr der Schulbesuch ermöglicht, der sonst aufgrund der Armut nicht stattfinden würde. Es freut mich zu erfahren, dass ohne Verlust in Verwaltungen der Betrag hier voll „ankommt" und Gutes stiftet.

 

Weiter geht die Fahrt in eine raue Bergwelt mit bizarren Felsformationen zu dem staubigen Dorf

Gutibayalu. Hier steht als einmalige Sehenswürdigkeit der Thimmamma Marrimanu. Es ist der Name des weltgrößten Banyan Baumes, der bereits im Jahre 1989 als größter Baum der Welt Einzug in das Guinness Buch der Rekorde gehalten hat. Mehr als 600 Jahre alt, hat sich der banyan tree mit seinen 1.500 Luftwurzeln im Kronenbereich auf 5,2 acres (ca. 21.000 qm) ausgebreitet. Die Urwurzel steht in einem kleinen heiligen Schrein mitten im Banyan Wald. Die Hindus dieser Gegend glauben stark daran, dass wenn ein kinderloses Paar „Thimmamma" die Ehre erweist, sie im nächsten Jahr ein Kind bekommen.

 

Bewässert wird der banyan tree teilweise von einer nahen Grundwasser Pumpstation. Dort steht auf einem kahlen Feld eine solar betriebene Pumpenanlage. Sonnenschein an gut 350 Tagen im Jahr wird von zwei etwa 2 qm großen, auf Pfosten stehenden Solarpaneelen, eingefangen und von einem Konverter in Strom, frei nach dem Motto: „Die Sonne schickt keine Rechnung", umgewandelt. Dieser betreibt eine Tieftauchpumpe an, die aus etwa 40 Meter Tiefe Grundwasser nach oben pumpt. Eine einfache, robuste Konstruktion ... und was mich als Außenhändler besonders beeindruckte, es ist eine deutsch-indische Kooperation: Solarpaneele von Firma Jain, Indien, und die Solartechnik von Firma Lorentz, aus Henstedt-Ulzburg, Schleswig-Holstein. Die Vincent Ferrer Stiftung hat von diesen dezentralen Solar Pump Systems per Ende März 2013 gesamt 359 Anlagen in 228 Dörfern installiert. Ich finde: eine tolle Leistung, die gar nicht hoch genug gewürdigt werden kann.

 

 

warmes Wasser von der Solaranlage

Aber das ganz große Aha-Erlebnis und highlight, das kam kurz darauf.

 

Eine Biogasanlage: eine genial einfache, aber höchst wirkungsvolle und kostengünstige Lösung zur Verbesserung der Lebensqualität der ärmsten Bevölkerung im trockensten Teil von Andhra Pradesh bzw. von Indien.

 

Von Kühen und Büffeln wird der Dung – „Gobar" ist in Hindi das Wort für Kuhmist und Indien verfügt darüber über einen schier unerschöpflichen Vorrat - eingesammelt und in einen ca. 1 qm fassenden, runden Behälter, der aus lokalen Materialien hergestellt wird, gefüllt. Auf 10 kg Schei... werden 50 Liter Wasser gegeben. Nackte Frauenhände zerquetschen die trockenen Placken und rühren die Masse solange bis diese gut flüssig geworden ist. Die Herausnahme einer runden Blechscheibe erlaubt nun, dass die Masse unter kräftigem Glucksen und Spritzen in den darunter liegenden Fermenter-Behälter abfließt. Dort findet der Fermentierungsprozess statt. Bakterien verwandeln nun die organische Masse in Abwesenheit von Sauerstoff in Biogas, dem Methan. Ein einfacher Hartgummischlauch führt zu einem simplen, zweiflammigen Herd in eine mit Stroh bedachte Hütte. Das Ventil wird geöffnet, mit einem Streichholz das Methangas angesteckt.. . und eine quirlige Flamme entsteht. Der Gasvorrat reicht für 4 bis 5 Stunden Kochen.

 

Kostenpunkt der gesamten Anlage: umgerechnet etwa 250 Euro. Unglaublich: ein primitiv einfaches, robustes und nachhaltiges sowie wirkungsvolles System. Bereits mehr als 4.000 solcher Mini Bio-Gasalagen hat die Vincent Ferrer Stiftung installiert.

 

Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Frauen brauchen nicht mehr viele Kilometer laufen, um Feuerholz einzusammeln. Eine Familie benötigt etwa 2 kg Holz pro Tag. Bäume müssen nicht mehr gefällt werden. Die Wiederaufforstung wird nicht mehr gefährdet und die teilweise Versteppung der Landschaft damit heruntergefahren. Zusätzlich zu Brennholz wird Kerosin zum Kochen verwandt.

Die Familie spart somit beträchtliche Kosten. Die Mutter hat mehr Zeit, sich um die Kinder zu kümmern. CO2 in erheblichem Maße wird eingespart. Der Gesundheitszustand der Bauern verbessert sich erheblich. Vormals litten die Frauen und Kinder bei den traditionellen, ineffizienten Holzöfen permanent unter gefährlichen Rauchgaspartikeln. Augenreizungen und Atemwegserkrankungen waren an der Tagesordnung. Und last-but-not-least entsteht ein sehr nährstoffreiches Substrat, das als Dünger auf die Felder gebracht werden kann.

Bericht über die Indienreise Februar 2012

Bremen, im Februar 2012


Ich bin gerade aus Indien zurück, wo ich unsere 51 Kinder besucht und unsere Schulen Nr 3 und Nr 4 feierlich eingeweiht habe. Die Einweihung ist für jedes Dorf ein großes Fest, das wie bei uns mit Musik, vielen Reden und einigen (in Indien : hinduistischen ) Ritualen gefeiert wird. Dabei werden Kokosnüsse zerschlagen und geopfert, damit das Gebäude und die Kinder, die dort zur Schule gehen werden, vor bösen Geistern beschützt werden.


Insgesamt hat unser Verein jetzt vier Schulen gebaut. Für das Jahr 2012 haben wir ehrgeizige Pläne: für zwei neue Schulen sind die Orte schon ausgesucht. Es sind die Dörfer Thumucherla und Kuntimaddi, beide südwestlich von Anantapur gelegen.



Zwischen den Einweihungen und den Besuchen unserer Kinder hatte ich noch Zeit, ein Internat für Waisenkinder mit der HIV-Infektion zu besuchen. 48 Kinder empfingen mich dort mit einem lauten "Good morning , Madam". Fröhliche, aufgeweckte Kinder, die sofort  das Gespräch suchten. Und wenn das Englische nicht ausreichte, baten sie den Leiter, ihre Fragen an mich zu übersetzen. Es gab zwei große Schlafräume, in denen jedes Kind einen Schrank hatte, aus dem am Abend eine Schlafmatte ausgerollt wurde und in dem sie ihre wenigen persönlichen Sachen und Seife und Zahnbürsten aufbewahren konnten. Tagsüber besuchen sie die staatlichen Schulen, an denen sie es wegen ihrer Infektion nicht einfach haben, denn sie werden von den anderen Kindern oft ausgegrenzt. Sie haben im Internat aber liebevolle Betreuung und ärztliche Behandlungen und fühlen sich dort wohl und zu Hause. Was wäre aus ihnen wohl geworden, wenn RDT dieses Heim nicht gebaut hätte? Vielleicht wären sie längst gestorben mit dieser Krankheit und ohne Eltern.

Ich möchte an dieser Stelle besonders all den Pateneltern sehr danken, die weit mehr als die 10 € für das Geschenk überwiesen haben. So konnten wir auch für diese Kinder aus dem Internat Süßigkeiten kaufen, und darüber haben sie gejubelt und sich sehr gefreut.  

 

Da der Verein „Dalits.Eine Chance für Kinder e.V.“ im vergangenen Jahr viel Geld gesammelt hat, konnte ich bei meinem Besuch ein schönes Weihnachtsgeschenk mitbringen: eine neue Schule. Mein Kollege Thippeswamy – ein sehr reservierter Inder - hat sich so gefreut, dass er mich spontan umarmt hat, was sehr ungewöhnlich war und ihn selbst sicher am meisten erschreckt hat.



Ankunft im Dorf
Opferritual

 Bremen, im Februar 2012

 

Liebe "alte" , liebe neue Pateneltern, liebe Schulsponsoren,

zurück aus dem vertrauten Anantapur von einer Reise, die für mich persönlich unter keinem  so guten Stern stand. Schon etwas angeschlagen aus Bremen abgereist, habe ich meine Reise früher als erwartet abgebrochen, weil ich mich krank und elend fühlte.

In Anantapur ging es mir noch gut und ich habe alle unsere Kinder gesehen und gesprochen und unsere zwei neuen Schulen ( Nr.3 und Nr.4 ) feierlich eingeweiht.

Ich wollte, Ihr würdet alle mal mitkommen und etwas spüren von der Freude, die mein Besuch hier immer  auslöst. Unsere  Kinder bekommen schulfrei für diesen Tag, was aber nicht heißt, dass sie sich  nur darüber freuen, denn anders als in Deutschland gehen hier alle unsere Kinder gerne in die Schule. Was wäre auch ihre Alternative? Sie müssten mit aufs Feld, um den Eltern zu helfen und hätten nie eine Chance, einmal etwas anderes als Tagelöhner zu werden oder  für den Müll zuständig zu sein. Wer nicht lesen und schreiben kann,  bleibt für immer dort, wo die Eltern noch heute sind, in der untersten Kaste, macht die niedrigsten Arbeiten.

51 Kinder aus neun z .T.  weit entfernten Dörfern zu besuchen, ist eine Frage der Logistik. Alle 51 wurden in drei Gruppen eingeteilt, die ich dann an drei Orten an drei Tagen besuchen konnte. Die ersten 21 traf ich in Nayanapalli in der Schule des Dorfes. Einige Kinder - zusammen mit ihren Eltern -  kamen z. T. von weit entfernten Orten  in so genannten "Autorikschas", diesen knatternden, stinkenden, dreirädrigen "Taxis", in denen eigentlich nur zwei Personen Platz haben. Aus den zwei Rikschas stiegen aber einmal 6 und aus dem zweiten 8 Personen und brachten auch noch Geschenke wie Tüten mit Kokosnüssen, großen Blumengirlanden und Keksen mit.

Die kleine Schule war so voll, dass das Fotografieren schwer fiel, wie Ihr an den Bildern sehen könnt. Die Mitarbeiter der Fundacion hatten in diesem Jahr eine stabile Schultasche, für die älteren Mädchen einen Rucksack eingekauft und für alle dazu ein neues "Sonntagskleid", für unsere zwei Jungs einen Anzug, dazu lag in jeder Tasche eine große Tüte mit Schokolade. So groß die Freude über die Geschenke auch war, das spannendste für die Kinder war, dass ich wieder da war: alle wollten mich ständig umarmen und ließen mich gar nicht wieder los. Ich habe es Euch ja schon beim letzten Mal geschrieben: es gibt kein Land, in dem ich soviel umarmt und geküsst werde wie in Indien. Oder besser gesagt:  wie hier in Andhra Pradesh, wo unsere Unberührbaren so dankbar für jede persönliche Zuwendung sind.

Tag 2: dieses Mal traf ich zwölf Mädchen mit ihren Eltern in Mudigubba in einem Field Office  von RDT auf einer Terrasse unter freiem Himmel...bei immerhin 34 Grad Celsius. Ich dachte an Euch zu Hause, die Ihr  vielleicht gerade über Regen oder Schnee klagt. Auch diese Kinder waren in Autorikschas gekommen, zum Teil von weit her. "Du gehörst zu unseren Familien", sagten die Mütter, "und wir freuen uns so sehr, dass du immer wieder kommst." - Das stimmt auch für mich: Ja, sie gehören auch zu "meiner" Familie, die sonst sehr klein wäre!

Tag 3: Fahrt nach Badenaik Thanda zur Einweihung unserer dritten Schule.

Das Ritual ist immer dasselbe: Begrüßung mit infernalisch lautem Trommelkonzert , zu dem einige Frauen des Dorfes auch tanzen. Dieses Mal dauerte es 15 Minuten, und meine Rippen vibrierten noch Stunden danach! Dann die so genannte Puja, die Opferzeremonie,  damit die Schule vor allem Bösen bewahrt wird:  vor der Tür zerbricht man  eine Kokosnuss, bis der Saft austritt ( was ich wieder erst beim 6. Schlag auf einen Stein geschafft habe...so eine Nuss ist verdammt hart!).  Dann wird ein in die Wand eingelassenes großes Schild enthüllt mit dem Namen des Spenders ( Unser Verein aus Bremen) und dem Namen der Person, die die Schule einweiht. Danach das Band zur Schultür durchschneiden und eine weitere Puja innen,  damit die Schüler dieser Schule beschützt werden. Und dann kommen ganz viele Reden: vom Dorfbürgermeister, von einer Vertreterin des  Frauenkomitees und vom Männerkomitee, vom Distriktmanager und von mir, dazwischen wird gesungen. Ich habe Euch das beim letzten Mal ja schon ausführlich beschrieben. ( Die Bilder der Einweihung von Schule Nr. 3  und Nr. 4 stelle ich auf unsere Homepage www.dalits-eine-chance-fuer-kinder.net )

Nachmittags hatte ich ein langes Gespräch mit Anne Ferrer, der Frau des verstorbenen Vicente Ferrer, die zusammen mit ihrem Sohn Moncho die Arbeit erfolgreich fortsetzt. Sie hat unser Bremer Engagement sehr bewundert (wir sind ja nach wie vor die einzigen, die  außerhalb  von Spanien für die Fundacion und den Rural Developement Trust arbeiten). Sie bat mich, Euch allen ihren herzlichen Dank zu sagen und Euch zu grüßen.

Tag 4: 16 Kinder aus Kothapalli, dem Dorf, aus dem auch unsere ersten sechs Mädchen von  2006 kommen. Es war sehr heiß und selbst die Inder stöhnen, dass der Sommer - eigentlich hier immer im April und Mai - zu früh kommt. Auch hier war die Freude groß. Das Dorf, das ich nun seit 6 Jahren besuche, kenne ich kaum wieder. Die vielen Hütten mit Stroh oder Palmblättern als Dach gibt es kaum noch, stattdessen aber viele kleine stabile  Häuser, die dem Monsun bestimmt standhalten. Unsere deutschen Stadtplaner würden verzweifelt sein, denn so wie sie hier kreuz und quer ungeordnet im Dorf stehen, würde es in Deutschland nie genehmigt!! Zwischen den Häusern noch immer die gleiche "Unordnung": Stapel von Baumaterial, Brennholz, daneben und dazwischen die Tiere: Kühe, Ziegen und Hühner.

Die Frauen sitzen draußen zusammen, um Gemüse zu putzen oder Wäsche zu waschen. In einigen Häusern sah ich ein bis zwei Plastiksäcke voll Reis. Alle versuchen sich für Zeiten ohne Arbeit,  z. B. bei der nächsten schlechten Ernte einen Vorrat anzulegen. Andhra Pradesh ist der Staat mit der höchsten Selbstmordrate unter verzweifelten Bauern.

Tag 5: Mir kommt es vor, als sei ich schon zwei Wochen hier...so viele Eindrücke, so viele Gespräche. Heute also Einweihung Nr. 2, die Schule in Cholasamudram. Dieses Mal waren die Trommler sehr professionell und obwohl - wie immer - sehr laut, war es ein Vergnügen, ihnen zuzuhören. Es sind "professionelle" Trommler. Der RDT hat ihnen die Trommeln geschenkt, als die jungen Männer wegen einer schlechten Ernte arbeitslos waren. Mit den Trommeln und einem Musiklehrer haben sie dann so lange geübt, bis sie besser als  die Hobbytrommler waren. Jetzt verdienen sie sich ihr Geld damit, dass sie nicht nur zu Hause, sondern auch in allen anderen Dörfern spielen, die gerade ein Fest oder auch eine Hochzeit feiern, und gefeiert wird viel.

Danach das übliche Ritual, allerdings mit einer Neuigkeit: ich habe die Kokosnuss mit dem zweiten Schlag öffnen können, was mein Kollege aus Anantapur kaum glauben konnte. Er hatte schon die Erklärungen für die Umstehenden bereit, dass es bei mir leider immer etwas länger dauern würde. Frauen lernen eben schnell; das gilt vor allem für die Inderinnen. Sie haben ihre Männer-  was Effizienz und Durchsetzungswillen angeht -  längst überholt. Sie kaufen z.B. mit Kleinkrediten eine Kuh oder ein paar Ziegen und  verkaufen die Milch. Von dem Verdienst wird die Kuh gedeckt und dann haben sie zwei Kühe oder irgendwann eine kleine Ziegenherde.

Das war eine Woche Anantapur 2012. Für mich wieder ganz wichtig, weil ich hier immer lerne, alles viel mehr zu schätzen, was wir zu Hause für selbstverständlich halten, bescheidener zu werden, weniger über Unwichtiges zu klagen. Und ich reise nach Hause mit dem guten Gefühl, dass unser Geld hier "gut angelegt" ist.

Danke noch einmal an alle großzügigen Geschenkspender: obwohl einige wie im letzten Jahr die € 10 wieder vergessen hatten, hatte ich einen Überschuss von € 70, die ich für Bonbons und Kekse für die Kinder aus den drei Dörfern, die keinen Besuch hatten, ausgegeben habe.

Und noch eins: Sport wird hier ganz groß geschrieben. Wenn ihr in Euren Freundeskreisen einen Studenten kennt, der gut Fußball spielt und Lust hat, einmal drei Monate während der Semesterferien den Kindern dieses "Kricketlandes" Fußball beizubringen, ist er hier herzlich willkommen: Kost und Logis frei. Er lernt Volunteers aus anderen Ländern kennen und auch ein Indien, dass mit den üblichen touristischen Reisen wenig zu tun hat.

 

Mit herzlichem Gruß

 Karen Ulderup

 

Bremen, den 1.1. 2013

 

Liebe Pateneltern,

 

jedes Jahr denke ich, dieses Mal habe ich einen guten Monat erwischt: es wird nicht so heiß wie im letzten Jahr...und dann sind es wieder 35 Grad Celsius, und es bleibt einem (nach den Bremer - 8 Grad, aus denen ich kam ) die Luft weg!

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Meine ersten Eindrücke von Bangalore, der ersten Station: es gibt auf den Straßen nur noch wenige "Ambassadors", diese indischen, wunderbar altmodisch runden Micky Maus Autos, die das Bild der Strassen bislang bestimmten. Dafür sind aber jetzt jede Menge moderne japanische und koreanische  Autos unterwegs, und: man kann wieder atmen, die Luft ist etwas besser geworden, weil die meisten Auto-Rikschas jetzt mit Gas statt mit dem stinkenden Benzin fahren.

 

In Anantapur gab es nicht nur gute Nachrichten.

 

Der Rural Developement Trust sowie die Fundacion Vicente Ferrer  - zu fast 100 % von Spanien finanziert und gesponsert - leiden natürlich auch unter der spanischen Krise: viele Projekte, vor allem die großen, liegen jetzt auf Eis. Einige spanische Pateneltern können nicht mehr für ihre Kinder zahlen, umso mehr wird jetzt unser kleines Bremer Engagement geschätzt.

 

Wie schon im diesjährigen Weihnachtsbrief von Anne und Moncho Ferrer geschrieben, versucht man seit kurzem eine alte Idee Vicentes wiederzubeleben. Jahrzehntelang hat sie nicht funktioniert, aber jetzt scheint sich etwas in diesem Land zu bewegen. Es gibt Inder, denen die Idee, den eigenen Landsleuten zu helfen, nicht mehr so fremd ist. RDT baut gerade ein Büro in Mumbay auf, dort, wo die reichen Inder leben und arbeiten, wo Bollywood zu Hause ist.

 

Und ein weiteres Büro wird von einer langjährigen spanischen Freundin Vicentes  in Miami entstehen, auch das ist eine Hochburg spanisch sprechender und reicher Menschen. 

 

Zu unseren Kindern: alle haben sich - wie immer - wahnsinnig gefreut. Ich nehme an, sie schließen vorher Wetten ab: "ob sie wohl dieses Jahr wiederkommt?" Und mit unseren Kindern freuen sich alle im Dorf und kommen zusammen, wenn wir da sind. Zwei der Mütter waren sehr traurig: die eine hatte vor zwei Monaten ihren Mann durch Krebs, die andere ihren 12-jährigen Sohn durch Meningitis verloren. Eine Tochter weinte, weil ihre Mutter am Morgen ins Krankenhaus gekommen war, um am Blinddarm operiert zu werden, und natürlich hatte sie Angst um ihre Mutter.

 

Viele von den Kindern der "ersten Stunde" beenden jetzt oder im nächsten Jahr schon die 10-jährige Schulzeit und sind dann im Programm 10+2, d.h. zwei weitere Jahre Schule mit Schwerpunkt auf Praxis. Zwei unserer Mädchen wollen Krankenschwestern werden und haben hier ihre Liebe zu diesem Pflegeberuf entdeckt. Die jüngeren haben weiterhin ihre Träume - wie schon im letzten Jahr wollen sie Ärztin oder Lehrerin werden, das sind die  Berufe, die sie kennen.

 

Durch die Vorschulen, die wir bauen, ist die Zahl der Schulabbrecher drastisch gesunken: die drei- bis sechs-jährigen werden da schon vorbereitet auf den Schulalltag der Regierungsschulen, und die älteren Schüler können in den Vorschulen am Nachmittag nach der Schule unter der Aufsicht von Lehrern der Fundacion ihre Hausaufgaben machen.

 

Ja, unsere Schulen: ich habe am ersten Tag die Schule in Thumucherla und am letzten Tag der Anantapurwoche die Schule von Kuntimaddi eingeweiht. Immer mit den gleichen Ritualen, die ich ja ausführlich schon im Brief über die letzte Indienreise beschrieben habe: Infernalisch laute Trommeln zum Empfang, dann die so genannte Puja, das hinduistische Ritual, das die Schule und alle, die darin arbeiten, segnen soll ( dieses Mal habe ich die Kokosnüsse schon beim zweiten Schlag gespalten!!), viele Reden der örtlichen Funktionsträger, meine Rede, Gesang und Tänze der Kinder. Und das ganze Dorf nimmt teil! Die Schulen werden ja nicht nur von den Kindern genutzt, die Erwachsenen tagen dort abends, wenn es etwas zu besprechen oder zu beschließen gibt.